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Das Befolgen eines Experten in Rechtswissenschaft der islamischen
Gesetze ist eine praktische Angelegenheit, die auf Vernunft basiert.
Jedoch nehmen viele an, dass diese Angelegenheit umstritten sei. Daher
muss das Thema angesprochen und die ganzen Fragen und die Zweifel über
ihre Gültigkeit beantwortet werden.
In den folgenden Abschnitten ist es unser Ziel die Praxis zu erklären,
Missverständnisse zu beseitigen und Fragen diesbezüglich zu beantworten.
Taqlid bedeutet wörtlich „Nachahmung“ oder „Nacheifern“. Aber aus der
Sicht dieses Themas, das wir diskutieren, sollte es nicht als „blindes
Befolgen“ interpretiert werden, sondern als Befolgen eines Rechtsurteils
eines Experten in den islamischen Gesetzen, um Zugriff auf die
praktischen Regelungen, die unser Leben betreffen, zu haben. Es ist von
großer Wichtigkeit die Philosophie, die historischen Wurzeln und die
Bedingungen dafür zu erläutern.
Der Islam ist eine durchgehend alles-beinhaltende
Religion, die dem Propheten des Islams Muhammad (ص) vor vierzehn hundert
Jahren offenbart wurde. Die Religion schließt die Glaubensgrundlagen,
d.h. die islamische Ideologie bezüglich der Weltanschauung, das Bild
Gottes, die Art und Weise, wie man Ihn wahrnehmen sollte, die göttliche
Gerechtigkeit, das Prophetentum, die spirituelle und sozial-politische
Führung (Imamah) und schließlich die Auferstehung mit ein.
Jeder einzelne ist dazu verpflichtet nach Wissen zu streben und
Gewissheit, sowie absolute Überzeugung in diesen Themen zu erlangen.
Niemandem ist es erlaubt einem anderen Individuum – ungeachtet seines
tiefgründigen Wissens - in diesen Angelegenheiten zu folgen. Der Quran
hat das blinde Nachahmen anderer in Angelegenheiten der
Glaubensgrundlagen als verwerflich und unakzeptabel klassifiziert.
Ebenso ist die Nachahmung in anderen fundamentalen Anschauungen
einzustufen.
Jedoch verbleibt ein weiter Bereich von Angelegenheiten, die das
alltägliche Leben und die praktischen Regelungen betreffen, wie z.B. die
Regelungen bezüglich ritueller Reinheit, Gebete, Fasten etc., genauso
wie die Regelungen, die sich auf die soziale, ökonomische und politische
Bereiche beziehen. All diese Regelungen sind in der islamischen
Gesetzgebung erklärt und sind im Rahmen islamisch-moralischer Werte
geregelt.
Die Details der islamischen Regelungen werden aus islamischen Quellen,
insbesondere aus den heiligen Texten, d.h. dem heiligen Quran, der
Sunnah und den Überlieferungen des heiligen Propheten (ص) und den
Unfehlbaren (ع) extrahiert, sowie durch Hilfe von Konsens und Vernunft
hergeleitet.
Trotz der Tatsache, dass der Islam seinen Anhängern anordnet die
religiösen Lehren und Anweisungen zu studieren, ist es offensichtlich,
dass das Erlernen aller religiösen Regelungen und der Verfahrensweise
nicht einfach ist. Diese Aufgabe ist nicht für jede einzelne Individuen
möglich, aber bei einer begrenzten Anzahl an Personen umsetzbar. Um das
Niveau eines qualifizierten Experten (Ayatullah) zu erreichen, der fähig
ist die islamischen Regelungen aus den oben genannten Quellen
abzuleiten, bedarf es eines jahrelangen Studiums.
Die Anforderungen an ein Individuum in der Gesellschaft sind zahlreich
und ein gewöhnlicher Mensch würde sie höchstwahrscheinlich nicht alle
aufzählen können, ganz zu schweigen von den Einzelheiten. Bei der
Erfüllung der Mehrheit der Aufgaben bedient man sich seines Verstandes
und seiner Willenskraft, jedoch muss man ausreichend Informationen und
Wissen besitzen, wenn man eine Entscheidung zu treffen hat. Eine Person
ist nicht fähig eine Entscheidung zu treffen, wenn sie unzureichende
Informationen besitzt und nicht fähig ist, auf islamische Quellen der
Rechtsprechung zu zugreifen. Daher muss eine Person entweder sich selbst
dazu qualifizieren die religiösen Gesetze abzuleiten oder jemanden
fragen, der voll qualifiziert ist und seine Verpflichtungen gemäß der
Richtlinien der islamischen Gesetzgebung erfüllt.
Z.B. konsultieren wir unbewusst einen Arzt zur Behandlung unserer
Krankheiten, stellen einen Ingenieur für den Bau eines Gebäudes ein,
suchen Hilfe bei einem Klempner, der uns die Wasserröhre repariert,
beschäftigen einen Zimmermann für Türen und Fenster oder wir suchen
einen Reiseleiter, wenn wir Reisetouren buchen möchten. Kurz gesagt: Wir
fragen und ersuchen Hilfe von Experten im jeweiligen betreffenden
Gebiet. Man kann natürlicherweise daraus folgern, dass wir ständig in
unserem Leben nach Hilfe und Leitung von anderen, die Spezialisten in
ihrem Gebiet sind, suchen, sogar für unbedeutendere Angelegenheiten.
Wer sagt: „Ich folge in meinem Leben keiner anderen Person“, hat
entweder die Bedeutung dieser Worte nicht verstanden oder er bildet es
sich nur ein. Der Islam, deren religiöse Gesetze auf Vernunft basieren,
stimmt dem oben diskutierten Prinzip zu.
Die religiöse Anweisung einem Experten zu folgen, nimmt natürlicher
Weise die Form an, dass eine Gruppe von Muslimen, die nicht fähig sind
die islamische Lehren und Anordnungen durch Beweisführung und logisches
Denken abzuleiten, sich an diejenigen wenden sollten, die die
islamischen Regelungen durch fachmännische und beweiskräftige
Argumentation herleiten können.
Jedoch gibt es viele Fragen von Seiten der Kritiker zum Prinzip der
Nachahmung. Wir werden nun versuchen die Fragen zu beantworten und die
Angelegenheit weiter zu erklären:
1. Frage: Die Nachahmung ist keine islamisch-empfohlene Notwendigkeit.
Der Quran beschreibt diejenigen, die anderen Menschen blind folgen als
unvernünftig. Wie können die schiitischen Muslime so etwas unterstützen?
Antwort: Man muss unterscheiden und verdeutlichen, dass die Schia die
Nachahmung in den ideologischen Aspekten des Islams nicht unterstützt
und es erwiesenermaßen in ihrer Lehre deutlich abgelehnt wird. Jedoch
akzeptieren sie es in den praktischen Regelungen der islamischen
Gesetze, die dem Laien unzugänglich sind.
Zudem sollte niemand einem qualifizierten Mujtahid blind folgen, sondern
auf eine vernünftige Weise, die mit hinreichend Wissen und Weisheit
verbunden ist, da doch der Islam seine Anhänger dazu auffordert von
anderen zu lernen und wissensreich zu sein.
Der Quran lehnt die erste Art der Nachahmung ab, aber er macht keine
negativen Bemerkungen zur zweiten Art. In den Überlieferungen gibt es
viele Beispiele dafür, wie die Imame (ع) die Leute dazu ermutigt haben
sie anzuwenden und der Leitung ihrer kompetenten und befähigten
Gefährten gewissenhaft zu folgen.
2. Frage: Dieses Prinzip kann weder durch Logik, noch durch Vernunft
bewiesen werden. Die Imame haben es in keiner Überlieferung befürwortet
und daher muss es abgelehnt werden.
Antwort: Gemäß der oben erwähnten Analyse, ist es erforderlich, dass der
Verstand dieser Lösung zustimmt. Die Entscheidung einem Fachmann in
verschiedenen Bereichen des Lebens zu folgen ist eine weithin
akzeptierte Vorgehensweise, die auf gesundem Menschenverstand gründet.
Es gibt eine Überlieferung, die von Imam al-Mahdi (ع) stammt, wo er die
Muslime dazu aufruft einem frommen und gerechten Rechtsgelehrten zu
folgen. Diese Überlieferung befindet sich im Buch „Wasa’il al-Schia“ von
Scheikh al-Hur al-‘Ameli. (Siehe Wasa’il, Bd. 27, pp. 140, Hadith 9)
3. Frage: Die sunnitischen Muslime folgen einem Imam der vier
Rechtsschulen, Abu Hanifa, al-Schafi’i, Ibn Hanbal oder Malik. Die Schia
glaubt an die Notwendigkeit einem lebenden Imam zu folgen. Daher muss
die Schia Imam Mahdi (ع) folgen, da er der lebende Imam dieser Zeit
ist.
Antwort: Dies ist ein weiteres irreführendes Argument. Die Schia glaubt,
dass Imam al-Mahdi (ع) in Verborgenheit lebt und dass niemand ihn direkt erreichen oder mit ihm kommunizieren kann. Wie soll es dann möglich sein
direkte Führung von ihm zu erlangen? Imam Mahdi (ع) erklärte vor seiner
großen Verborgenheit, dass derjenige, der behauptet mit ihm in Kontakt
zu stehen ein verleumderischer Lügner sei, damit keiner den Anspruch
erhebt in dauerndem Kontakt mit ihm zu stehen.
4. Frage: Religion und religiöses Wissen sind weit verbreitet und solche
Informationen sind für jeden leicht zugänglich. Daher besteht kein
Bedarf an Führung eines Experten, solange man Arabisch lesen und die
religionsrechtlichen Informationen verstehen kann.
Antwort: Dies ist weiteres simples Argument, was das spezialisierte
Wissen eines Mujtahids oder Ayatullahs mit vernünftigem Wissen
gleichsetzt. Selbstständige Rechtsfindung (Ijtihad) ist keine leicht
erlernbare Fähigkeit, wie Autofahren o.ä., ein qualifizierter Mujtahid
muss mindestens 8 Jahre ein Voll-Studium in verschiedenen Wissenschaften
ableisten, um diese Stufe zu erreichen. Es ist daher unmöglich für jedes
einzelne muslimische Individuum ein qualifizierter Mujtahid zu werden.
Zusätzlich zum langen und notwendigen Studium ist die Sprache der Texte
kompliziert und in einem alten Sprachstil verfasst. Durch die
Entwicklung der Sprache und der Bedeutung der Wörter ist es extrem
schwierig die richtige Aussage eines Textes abzuleiten. Solch eine
Aufgabe erfordert jemanden, der dazu qualifiziert und mit diesem Wissen
vertraut ist, um in der Lage zu sein die genauen Bedeutungen der
religionsrechtlichen Texte zu begreifen.
5. Frage: Der beste Weg, um Gewissheit und Sicherheit in einer
Angelegenheit zu haben, wenn man nicht fähig ist die Regelungen aus
heiligen Texten abzuleiten ist, nach der Vorsichtsmaßnahme zu handeln.
Dies bedeutet, dass wenn man bei der Zulässigkeit einer Tat zweifelt,
man es aus Vorsichtsmaßnahme unterlassen sollte.
Antwort: Dies ist eine utopische Lösung und keine umsetzbare
Alternative. Es ist aus zwei Gründen unmöglich: 1. Wenn eine Person
zwischen zwei Entscheidungen wählen muss, wobei es unmöglich ist beide
anzuwenden oder zu vermeiden, wie z.B. wenn eine Angelegenheit einmal
als verpflichtend und einmal als verboten eingestuft wurde. In diesem
und ähnlichen Fällen ist es nicht möglich die Vorsichtsentscheidung
anzuwenden. 2. Wenn man die Vorsichtsmaßnahme ganz genau anwendet, dann
würde es das Leben zu sehr erschweren und unerträglich machen.
6. Frage: Die Schia Gelehrten sind nicht wie die Imame (ع) unfehlbar.
Wieso kann man ihnen trotzdem folgen und warum darf man sie nicht
kritisieren?
Antwort: Die Tatsache, dass sie fehlbar sind, hebt nicht die Tatsache
auf, dass sie in ihrem Feld spezialisierte Experten sind. Niemand
behauptet, dass sie über Kritik erhaben sind, jedoch können nur
diejenigen Kritik ausüben, die ebenfalls mit der Materie vertraut sind.
7. Frage: Das Prinzip des Befolgens eines Rechtsgelehrten wurde erfunden
und existierte vor zwei hundert Jahren nicht. Sayyid Yazdi schrieb das
erste Werk „Al-Arwat ul-Wouthqah“ am Anfang des letzten Jahrhunderts für
seine Anhänger, um ihn nachzuahmen. Folglich hat man die Wahl zu
glauben, dass entweder die alten Generationen von Schia Muslimen richtig
gehandelt haben und dass die Schia Muslime, die das neu-erfundene
Prinzip der Nachahmung eines Rechtsgelehrten anwenden irregeleitet sind,
oder sie im Recht sind und die alten Generationen falsch gehandelt
haben.
Antwort: Jemand, der solche Aussagen trifft, scheint wenig über die
Geschichte der Schia zu wissen. Die Legitimierung des Prinzips der
Nachahmung basiert auf einer Aussage des 12. Imams, Imam al-Mahdi (ع),
der seine Schia dazu aufforderte einem gerechten und frommen
Rechtsgelehrten zu folgen. Historische Aufzeichnungen bestätigen, dass Scheikh Tousi, der kurz nach der kleinen Verborgenheit lebte, sein
erstes Buch „Risalah“ für seine Anhänger zur Nachahmung verfasste. Sein
bekanntes Buch „Al-Nihayyah“ wurde diesem Zweck gewidmet und es ist
unter bibliographischen Fachleuten bekannt, dass dieses Buch keine
Herleitungen und Argumente für seine rechtswissenschaftlichen Ansichten
enthält.
8. Frage: Dieses Prinzip wurde von der sunnitischen Praxis der „Al-Qiyas“
(Analogieschluss) übernommen. Da die Imame (ع) es verurteilen, sollte
es abgelehnt werden. In vielen schiitischen Überlieferungen haben die
Imame (ع) ebenfalls „Ijtihad“ (selbstständige Rechtsfindung) verurteilt,
daher sollte die Schia es nicht akzeptieren, wenn es eine Abweichung von
der reinen Lehre der Imame (ع) darstellt.
Antwort: Diese Bedenken basieren auf irreführenden Prämissen, die es
notwendig machen jeden Punkt einzeln zu beantworten:
„Taqlid“ wurde nicht vom sunnitischen Prinzip des „Qiyas“ abgeleitet,
dieses ist eins der Quellen der Rechtsfindung gemäß der sunnitischen
Rechtsschule.
Die schiitischen Überlieferungen beziehen sich auf die fehlerhafte und
irreführende Vorgehensweise der sunnitischen Rechtsgelehrten zu dieser
Zeit. Sie übernahmen die Prinzipien des „Qiyas“ und interpretierten die
Überlieferungen in einer Weise, die vom eigentlichen Ziel und der
eigentlichen Absicht der islamischen Gesetze abwich.
9. Frage: Das Shari’ah-Gesetz wurde vor vierzehn hundert Jahren
erlassen. Während dieser Zeit haben die moderne Wissenschaft und die
westliche Kultur sehr zur Lösung vieler unklarer und komplizierter
Angelegenheiten beigetragen. Auf der anderen Seite erscheinen
muslimische Gelehrte mit ihren Meinungen und Schlussfolgerungen
altmodisch und nicht zeitgemäß. Sie sind nicht fortgeschritten und
ziehen die moderne Wissenschaft nicht mit ein und daher kann man ihren
Urteilssprüchen nicht folgen.
Antwort: Diese Bedenken setzen sich aus mehreren Aspekten zusammen und
basieren auf folgende irreführenden Prämissen:
„Die westliche Kultur und die moderne Wissenschaften haben den Level der
Vollkommenheit erreicht, welche die göttliche Offenbarung und religiöses
Wissen ersetzen kann!“
Diese Aussage ist falsch und ungenau. Der Westen und die Wissenschaftler
haben nicht für sich beansprucht Vollkommenheit erreicht zu haben. Dies
ist offensichtlich, wenn man die riesigen sozialen Probleme und die
moralischen Dilemma betrachtet, die der Gesellschaft gegenüberstehen.
Diese Tatsache allein bestätigt, dass dieser Anspruch vollständig
widerlegbar ist.
„Der Islam ist nicht zeitgemäß, da er vor vierzehn hundert Jahren
offenbart wurde.“
Dies ist eine Behauptung, die auf einem naiven Argument basiert, dem es
an jeder Form vernünftiger Logik und Denkens mangelt. Wenn man die
Religion und ihre Fähigkeit, die zeitgemäßen Probleme zu lösen, nicht
akzeptiert, dann braucht man nicht mehr über die Notwendigkeit des Quran
und anderer heiliger Texte zu diskutieren. Menschen, die ihren eigenen
Wegen und Wahlen im Leben folgten, haben versagt ihr wirkliches Glück zu
finden oder sich vor einem miserablen Leben und moralischer Besorgnissen
zu schützen. Wieso sollte man dann nicht eine alles-beinhaltenden
Religion einführen, die seit dem Ableben des Propheten Muhammad (ص)
nicht eingeführt oder verwirklicht wurde? Allerdings
kann man es nicht leugnen, dass die moderne Technologie und
Errungenschaften der modernen Wissenschaft kombiniert und in einer Weise
gebraucht werden sollen, welche die Zukunft der Menschheit fördert und
nützt.
„Muslimische Gelehrte besitzen viel Macht und ihr Wissen und ihre
Informationen sind veraltet und überholt.“ Diese Aussage basiert auf einer falschen Behauptung. Es gibt viele Gelehrte, die studiert haben und über modernes Wissen der Naturwissenschaften und modernen Technologie verfügen. Bezüglich der Behauptung, dass Gelehrte viel Macht besäßen und in gewisser Weise korrupt seien, so erübrigt sich eine weitere Diskussion darüber, da diese Behauptung realitätsfern ist und ihr an jedem glaubwürdigen Beweis mangelt. Anmerkung: Der Text weicht leicht vom Original ab Quelle: http://www.ic-el.com/en/faq.asp |
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