Die „Gegenwart“ des Herzens im Gebet

Das Gebet ist eine himmlische Formel und göttliches Heilmittel, in der jeder einzelne Teil ein verborgenes Geheimnis enthält. Es ist ein Mittel der Liebe, der Kommunikation und des Gedenkens an den Herrn des Universums. Es ist die Beste Art und Weise um Perfektion zu erlangen, spirituellen Aufstieg und die Nähe Gottes. Gemäß islamischen Überlieferungen wird das Gebet als die himmlische Reise (miraj) eines Gläubigen bezeichnet, die ihn vor moralischen Unanständigkeiten schützt.

Es ist so ein reiner, glitzernder Strom der Spiritualität, sodass wer immer in ihn fünf Mal am Tag eintaucht, seine Seele von allen möglichen Unreinheiten und Verschmutzungen gereinigt wird. Es ist der größte anvertraute Schatz oder Verantwortung von Gott dem Allmächtigen und ist der Maßstab für die Annahme aller anderen Taten. Das Gebet ist eine himmlische mysteriöse Anweisung, die aber um am Leben zu bleiben und um den Geist des Gebetes nicht zu verlieren der Gegenwart des Herzens unterworfen ist, das sich konzentrieren auf Gott, den Allmächtigen und vor Ihm demütig zu sein.

Die Anflehungen, Rezitation der Koranverse, das in die Knie gehen, das Verbeugen, das Bezeugen und das Begrüßen stellen das Gesicht und den Körper des Gebets dar, während die Gegenwart des Herzens und die Aufmerksamkeit gegenüber dem Schöpfer den Geist darstellen. Da ein Körper ohne Seele ein toter Körper ist, dem jegliche Charaktereigenschaften fehlen, so ist es auch mit dem Gebet in dem das Herz nicht präsent ist. Obwohl es die Pflicht der Durchführung des täglichen Pflichtgebetes genüge tut so hilft es nicht, den Betenden auf eine höhere spirituelle Stufe zu bringen.

Alles in allem ist beim Gebet das Ziel die Erinnerung oder das Gedenken Gottes.

Im Koran steht: „Siehe, Ich bin Allah; es ist kein Gott außer Mir. Darum bete mich an und verrichte das Gebet zu Meinem Gedächtnis.” (Sure Ta Ha, Vers 14)

Weiter wird das Freitagsgebet als ein Gedenken Gottes beschrieben:

„Ihr Gläubigen! Wenn am Freitag zum Gebet gerufen wird, dann wendet euch mit Eifer dem Gedenken Gottes zu und lasst den Handel! Das ist besser für euch, wenn ihr Wissende seid.” (Sure Al-Dschumuah, Vers 9)

Das eigentliche Kriterium der Annahme eines Gebets ist die Gegenwart des Herzen. Das Gebet wird in dem Maße akzeptiert, wie das Herz gegenwärtig war. Aus diesem Grunde wird in den Überlieferungen sehr viel Wert auf die Wichtigkeit/Gewichtung der Gegenwart des Herzens hingewiesen. Ein Beispiel dafür ist eine Überlieferung des Heiligen Propheten (ص), der sagte:

„Manchmal wird nur die Hälfte eines Gebetes akzeptiert, während zu anderen Zeiten nur ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel oder ein Zehntel davon angenommen werden. Manche Gebete werden dem Betenden wie ein zusammengeknüllter alter Stoff auf den Kopf gehämmert. Eigentlich wird nur der Teil des Gebetes von euch angenommen, in dem ihr euch mit ganzem Herzen Allah dem Allmächtigen zugewandt habt.“
(Bihar al-Anwar, Vol.84, Seite 260)

Imam al-Sadiq (ع) sagte: „Wenn ein Diener betet, schenkt im Allah seine Aufmerksamkeit und wendet sich nicht ab, bis nicht sein Diener zum dritten Mal von dem Gedenken an Gott abschweift. Wenn das passiert, wendet sich Gott der Allmächtige sein Antlitz ab von dem Betenden.“

Imam Ali (ع) sagte: „Verrichte dein Gebet nicht im Zustand von Ermattung oder Schläfrigkeit. Während du betest, sollst du nicht an dich selbst denken, da du dich in der Anwesenheit Gottes befindest. Tatsächlich wird nur der Teil des Gebets angenommen, in dem du am Meisten deine Aufmerksamkeit an Gott dem Allmächtigen gerichtet hast.“
(Bihar al-Anwar, Vol.84, Seite 239)

Der Heilige Prophet (ص) sagte: „Über einen Diener Gottes, der jemanden anderen als Allah seine Aufmerksamkeit schenkt, sagt Gott: ‚Oh mein Diener! In welche Richtung drehst du dein Gesicht? Wer ist derjenige, den du suchst? Suchst du einen anderen Gott und Beschützer als mich? Suchst du nach einem anderen Gnädigen als Mich? Wo ich doch der Gnädigste unter den Gnädigen bin, der Barmherzigste unter den Barmherzigen und der Großzügigste. Ich werde euch soviel Belohnungen gewähren, dass ihr sie nicht einmal zählen könnt. Seid aufmerksam Mir gegenüber, weil Ich und meine Engel euch gegenüber auch aufmerksam sind.‘

Folglich werden dem Betenden seine vorherigen Sünden vergeben, wenn er sich vollends Gott dem Allmächtigen zuwendet. Aber wenn er sich wiederum einem Anderen als Allah zuwendet, dann wird er von Ihm daran erinnert. Wenn er seine Aufmerksamkeit wieder dem Gebet zuwendet, werden ihm seine Sünden und seine Nachlässigkeit im Gebet vergeben und die Folgen davon werden annulliert.

Wenn zum dritten Mal die Aufmerksamkeit von Gebet abweicht, wiederholt Gott der Allmächtige seine vorherige Warnung und wenn der Betende sich dann wieder dem Gebet zuwendet, werden ihm wiederum seine Sünden vergeben. Aber wenn er zum vierten Mal seine Aufmerksamkeit vom Gebet abweicht, dann wenden Allah und seine Engel ihre Gesichter weg vom Betenden und Allah sagt zu ihm: ‚Nun habe ich dich an die Vormundschaft abgetreten, die von dir gemocht wird.’“
(Bihar al-Anwar, Vol.84, Seite 244)

Der Wert eines Gebetes hängt direkt von der Gegenwart des Herzens ab und der Aufmerksamkeit die du Gott dem Allmächtigen schenkt. Je nach dem wie weit dieser Zustand im Gebet erreicht wird, wird es eine Auswirkung auf die innere Reinigung und Nähe zu Gott haben. Es war nicht ohne Grund, dass alle göttlichen Propheten (ص) und Imame (ع) so viel Aufmerksamkeit dem Gebet gewidmet haben. Über Imam Ali (ع) wurde berichtet:

„Wenn er im Gebet war, zitterte sein Körper und die Farbe seines Gesichts veränderte sich. Sie fragen ihn nach dem Grund für diese Aufregung und Furcht. Als Antwort gab er: ‚Die Zeit ist gekommen das uns anvertraute zurückzugeben – jenes, das der Erde und dem Himmel angeboten wurde und sie es abgelehnt haben, diese Verantwortung zu übernehmen. Aber der Mensch hat diese große Verantwortung akzeptiert. Ich habe Angst davor, ob ich diese schwere Verantwortung erfüllen kann und zurückgeben kann.“
(Bihar al-Anwar, Vol.84, Seite 248)

Über Imam al Baqir (ع) und al-Sadiq (ع) wurde überliefert: „Zur Gebetszeit wurden ihre Gesichter blass und rot vor Furcht vor Gott, dem Allmächtigen; in ihrem Gebet sprachen sie mit Allah, als würden sie Ihn tatsächlich vor sich sehen.“
(Bihar al-Anwar, Vol.84, Seite 248)

Über Imam al-Sajjad (ع) wurde berichtet: „Wenn er betete, veränderte sich die Farbe seines Gesichts und er wurde bleich vor Furcht und wie ein demütiger Diener stand er vor seinem Meister, seine Körperteile zitterten. Seine Gebete waren wie ein Abschiedsgebet, als würde er keine weiteren Gebete nach diesem mehr verrichten können.“
(Bihar al-Anwar, Vol.84, Seite 248)

Über die Tochter des Propheten Fatimah al –Zahra (ع) wurde überliefert: „Wegen der Intensität ihrer Furcht während des Gebets hätte man sogar die Anzahl ihrer Atemzüge zählen können.“
(Bihar al-Anwar, Vol.84, Seite 248)

Die Stufen der Anwesenheit des Herzens

Die Anwesenheit oder Gegenwart des Herzens während des Gebets hat mehrere Stufen und jede ist verschieden im Hinblick auf ihre Vollkommenheit. Ein „Reisender“ muss diese Stufen langsam nach und nach durchlaufen um zu einer höheren spirituellen Ebene zu gelangen, einer Position der Nähe Gottes oder der Bezeugung. Es ist ein langer Weg, der verschiedene Positionen beinhaltet. Einige werden hier in Kürze erklärt, die vielleicht für den Reisenden nützlich sind.

Erste Stufe

Das könnte man als einen Zustand beschreiben, in dem der Betende entweder das ganze Gebet hindurch oder einen Teil seines Gebets der Tatsache Beachtung schenkt, dass er vor Gott dem Allmächtigen steht, mit Ihm spricht oder sich mit Ihm unterhält. Jedoch beachtet er in dieser Stufe noch nicht die Bedeutung der Worte und versteht nicht die Einzelheiten seiner Unterhaltung.

Zweite Stufe

Hier schenkt der Betende, außer dass er sich bewusst ist vor Allah zu stehen und mit Ihm zu kommunizieren, auch der Bedeutung der Worte Beachtung und weiß genau, was er Gott dem Allmächtigen sagt. Währenddem er die Worte ausspricht, macht er gleichzeitig seinem Herzen deren Bedeutung klar, wie eine Mutter, die ihr Kind unterrichtet, wie man einen Satz ausspricht und gleichzeitig den Sinn vermittelt.

Dritte Stufe

Hier versteht der Betende, außer den vorangegangen Stufen, auch die Realität der Verherrlichung oder Lobpreisung, und der Verehrung, die Realität des Monotheismus und der Bedeutung anderer Beschwörungen oder Bittgebeten. Des weiteren basiert sein Verständnis auf logischen Argumenten, er beachtet all dies währen des Gebets, weiß sehr wohl was er sagt, was er will und zu Wem er spricht.

Vierte Stufe

Hier hat der Betende sein inneres Wesen durch das Lernen und durch die Bedeutung der Anbetungen beeinflusst und muss das Stadium der Gewissheit „YAQIN“ und Glaube „IMAN“ erreicht haben. In diesem Fall folgt die Zunge dem Herzen, da das Herz an diese Realitäten glaubt.

Fünfte Stufe

Das ist die höchste der Stufen der Spiritualität, Eingebung, Offenbarung und inneren Haltung. Durch seine esoterischen Augen ist er Zeuge der Heiligen Namen und Eigenschaften Gottes und sieht nichts anderes außer Ihm, er beachtet nicht mal seine eigenen Aktionen, Taten und Lobpreisungen.

Er spricht zu Gott aber ist sich seiner Rede nicht mehr bewusst. Er hat sein ganzes eigenes Dasein aufgegeben und ist fasziniert Zeuge zu sein von der Schönheit des Heiligen Wesens Gottes. Sogar auf dieser Ebene gibt es Ränge und Stufen, die in ihrer Unterscheidung variieren, je nach Status des Reisenden. Diese Stufe ist wie ein Ozean von unbegrenzter Tiefe.

So wie es wichtig ist, die Anwesenheit des Herzens zu erlangen, so schwierig ist es, es zu erreichen. Sobald ein Mensch beginnt, sein Gebet zu verrichten flüstert Satan in sein Herz und zieht ihn von einer Seite zur anderen, er beschäftigt ihn ständig mit irgendwelchen Gedanken und Erinnerungen.

Das Herz befasst sich damit, Probleme zu lösen, Pläne zu schmieden, an die Vergangenheit oder Zukunft zu denken, sich an Dinge zu erinnern, die schon längst vergessen waren und wenn er sich endlich wieder sich selbst zuwendet, stellt er fest, dass das Gebet schon vorbei ist. Auch wenn er dazwischen sich auf das Gebet konzentriert, so weicht er doch immer wieder ab.

Das ist in der Tat sehr traurig. Was sollen wir tun um über unser rebellierendes und verspieltes Selbst die Kontrolle zu bekommen?

Es ist eine schwierige Aufgabe, aber wir sollten nicht den Mut verlieren und ernsthaft daran arbeiten. Allah hat uns im Heiligen Koran versprochen:

„Und diejenigen, die in Unserer Sache bestrebt sind – Wir werden sie gewiss leiten auf Unseren Wegen. Wahrlich, Allah ist mit denen, die Gutes tun.“ (Sure 29. Die Spinne (Al-Ankabut), Vers 69)

Ein abgesonderter Platz

Es ist besser, einen Platz zum Gebet zu wählen, der isoliert, also frei von Lärm und Störungen ist. Der Gebetsraum sollte frei von Bildern oder solchen Gegenständen sein, welche die Aufmerksamkeit des Betenden ablenken, am Besten wäre eine kleine Ecke zu Hause und das Gebet sollte dann immer dort verrichtet werden. Während du betest, solltest du deine Augen auf den Platz der Niederwerfung richten. (Du darfst auch manchmal die Augen schließen, wenn dies der Anwesenheit des Herzen dient).

Es wird geraten, das Gebet eher in einem kleinerem Raum und nahe einer Wand zu verrichten, da die Sicht des Betenden eingeschränkt ist.

Entfernen von Hindernissen

Vor dem Gebet sollten alle „Hindernisse“ entfernt werden, die dich davon abhalten dich zu konzentrieren, z.B. wenn du auf die Toilette gehen musst, solltest du dies vor dem Gebet tun. Wenn du extrem Hunger oder Durst verspürt, solltest du vorher essen oder trinken.

Auch ist es besser mit dem Gebet zu warten, wenn du zuviel gegessen hast. Genauso ist es mit Müdigkeit. Erst solltest du dich etwas ausruhen. Auch wenn du dich über etwas extrem aufregst oder etwas tragisches passiert ist, solltest du versuchen, die Sorgen oder die Ursache soweit möglich zu beheben oder zu beseitigen.

Stärkung des Glaubens

Aufmerksamkeit gegenüber Gott hängt zum Teil vom Wissen und Aufklärung des Gläubigen im Hinblick auf Ihn ab. Wenn der Glaube eine Stufe der Gewissheit erlangt hat und die Majestät Gottes, seine Macht, seine Präsenz, seine Souveränität und Wissen verstanden hat, dann wird der Gläubige automatisch Demut und Bescheidenheit Ihm gegenüber zeigen.

Nehmen wir einmal an, dass wir vor einem mächtigen König stehen. Da würden wir uns auch anstrengen und uns selbst kontrollieren, was wir denken und sagen.

Prophet Muhammad (ص) sagte: „Bete zu Gott, als würdest du Ihn sehen, und auch wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er dich.“
(Nahj al-Fasahateh, Seite 65)

Denke an den Tod

Es hilft auch, über den Tod nachzudenken. Du musst realisieren, dass der Tod jederzeit zu jeder Gelegenheit eintreffen kann und dass es möglich ist, dass dieses Gebet das letzte ist. Der Todesengel Israel könnte schon angekommen sein, um die Seele entgegenzunehmen und das Buch der „Taten“ wird für immer geschlossen werden. Dann wird die Seele der immer währenden Welt übergeben.

Dort werden die Taten geprüft und das Ergebnis den weiteren Verlauf bestimmen. Ewige Glückseligkeit oder Bestrafung. Du sollst dir vorstellen, wie es dort sein wird am Tag der Auferstehung oder wie du stirbst.

Imam al-Sadiq (ع) sagte: „Verrichte dein Gebet während der korrekten Zeit, wie jemand, der seine Abschiedsgebet macht und der Angst hat, dass er nie mehr eine Gelegenheit haben wird, das Gebet noch einmal zu verrichten. Schaue auf den Platz der Niederwerfung und stell dir vor, dass jemand dich beobachtet – dann wird man vorsichtiger beim Beten. Wisse! Du stehst vor Einem der dich sieht und Den du nicht sehen kannst.“

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übersetzt von Um Yasin

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