Geschichte: Dies ist mein erster Ramadan

Ich bin Abidin und komme aus Bagdad. Ich bin 14 Jahre alt. Heute ist der 5. Oktober 2005: Ich bin morgens ganz früh mit meiner Mutter aufgestanden, um mit ihr zu frühstücken. Dieses Mal sehe ich sie erstmals seit langem ohne ihre schwarze Schele (irakisches Kopftuch für ältere Frauen), die sie sonst den ganzen Tag über trägt. Und ich bemerke, dass meine Mama graue Haare bekommen hat. Hatte sie die gestern schon? Dann frage ich mich, wie lange habe ich sie nicht mehr ohne ihre Schele gesehen? Ich glaube es war an dem Tag, als Papa das letzte Mal zur Arbeit ging, und dann nicht wieder kam. Das war vor 10 Monaten. Er hatte mir morgens noch einen Kuss gegeben und mir versprochen, wenn ich das erste Mal faste, mir die Uhr zu kaufen. Ich hatte diese Uhr auf dem Großmarkt in Kazemiye gesehen. Sie hatte ein schwarzen Lederband und ein silbernes Zifferblatt.

Mama kocht Tee und legt frisch gebackenes Brot auf den Boden. Sie sieht ernst aus, fast so als hätte sie Tränen in den Augen. Überhaupt habe ich sie seit so langer Zeit nicht mehr lachen sehen. Erst jetzt bemerkt sie mich und lächelt mir zu. „Sabah al Chair Abidin“, sagt sie und ich setzte mich zu ihr auf den Boden. Neben uns liegt meine kleine Schwester Zainap. Sie schläft noch ganz fest. Fast so wie ein Engel. Ja sie ist unser Engel. Mit ihren großen schwarzen Kulleraugen und ihrem so süßen Lächeln. Mama und ich trinken zusammen Tee und essen das frisch gebackene Brot. Dann hören wir den Ezan von der Moschee direkt neben uns. Wenn ich groß bin, möchte ich auch so eine schöne Stimme haben wie Hassan. Hassan ist mein Cousin und macht heute den Ezan zum Morgengebet. Ich stehe auf und wasche mich. Mama hat mir in der Zeit schon einen Gebetsteppich hingelegt. Als ich in das Wohnzimmer komme, hat sie sich schon in ihrer Abaya gehüllt und spricht ihr Gebet. Ich bete zwar schon eine ganze Weile, aber heute fühle ich mich irgendwie anders. Die ganze Atmosphäre ist heute anders. Ob es am Ramadan liegt? Nach dem Gebet, lese ich noch ein bisschen Quran. Ich beschließe Suret Yasin und Suret Rahman zu lesen. Ich greife nach dem Quran meiner Mutter und möchte Suret Yasin öffnen. Dabei fällt ein Foto aus dem Quran. Es ist das Hochzeitsfoto von meinen Eltern. Dieses Foto hatte ich noch nie gesehen. Es zeigt meine Mutter im Brautkleid und meinen Vater im Anzug. Das muss sehr lange her sein, denn da sehen beide irgendwie anders aus, so jung und glücklich. Meine Mama hat ganz dunkles langes schwarzes Haar und mein Vater ist richtig muskulös. Mir fällt auf, dass ich ihm sehr ähnlich sehe. Ich bemerke, dass meine Mutter mit dem Gebet fertig ist und stecke das Foto schnell wieder in den Quran zurück und beginne zu lesen. Meine Mutter setzt sich neben mir und hört zu. Leider kann sie den Quran nicht lesen, aber ich weiß, auch wenn sie es mir nie gesagt hat, dass sie ihn auswendig kann, denn ich habe sie oft ertappt. Einmal las sie Suret Rum laut, hatte aber Suret Mariam aufgeschlagen. Ich lege mich danach wieder schlafen. Mein kleinerer Bruder Dschasim schläft auch noch tief und fest.

Gegen 9 Uhr stehe ich auf. Unser ganzes Haus ist jetzt mit Duft gefüllt. Meine Tanten sind zu Besuch gekommen und haben uns Obst mitgebracht. Mama hat gerade Zainap gewickelt und nun läuft sie mir entgegen. Ich hebe sie hoch und  nehme sie mit in mein Zimmer, um mit ihr zu spielen. Mein Bruder Dschasim und ich geben ihr einen kleinen Griesbrei. Zainap ist immer nur am lachen. Sie erfüllt unser Herz immer mit so viel Wärme. Am Nachmittag gehen wir auf den Wochenmarkt mit Mama und Chale UmAbbas. Wir kaufen Gemüse und Reis. Auf dem Markt sehe ich Salim. Früher haben wir immer zusammen gespielt, aber heute verkauft er auf dem Markt kleine Bilder von religiösen Personen. Salim ist so alt wie ich, arbeitet aber schon 2 Jahre jeden Tag auf dem Markt.  Manchmal sehe ich ihn Kisten schleppen und manchmal trägt er für die alten Frauen die Einkaufstaschen. Salim hat immer einen guten Spruch auf Lager und macht immer Witze. Ich bewundere ihn. Er hat seine 3 Brüder und seinen Vater vor zwei  Jahren bei einer Explosion verloren. Seit dem wohnt er mit seiner Mutter und seinen fünf Schwestern alleine. Er muss das Geld nach Hause bringen. Ich begrüße ihn und frage ihn, wie es ihm geht und erzähle ihm ganz stolz, dass ich heute das erste Mal faste. Salim sieht mich ernst an und sagt: Ich faste auch. Dabei wirkt er ganz traurig. Ich frage ihn, was er hat, denn er ist doch sonst immer gut drauf. Er sagt mir ganz leise, dass er gestern sein Geld verloren hat und er heute kaum was zu tun hat, weil sie ja die Straßen gesperrt hätten und daher nur wenige zum Markt kommen. Ich lasse ihn nicht weiter ausreden, denn ich kenne Salim, er würde mich nie um etwas bitten. Schnell ziehe ich ein paar Dinar aus der Tasche und will es ihm geben. Er lehnt aber ab. Dann habe ich eine bessere Idee und lade ihn und seine Familie heute Abend zum Iftar ein. Meine Mutter frage ich gar nicht; sie hat bestimmt nichts dagegen. Salim freut sich und sagt, dass er vielleicht ein bisschen später kommen wird. Wir verabschieden uns und ich gehe mit meiner Mutter nach Hause. Erst da erzähle ich ihr von meiner Einladung. Sie hat nichts dagegen und freut sich.

Den restlichen Tag verbringe ich mit meinem Bruder Dschasim. Wir helfen bisschen beim aufräumen. Ich habe nun doch langsam Hunger. Gegen halb 6 kommt Um Salim mit ihren Töchtern. Sie begrüßen sich herzlich mit meiner Mutter und nehmen im Gästezimmer platz. Ich begrüße sie kurz und gehe dann wieder ins Wohnzimmer. Dabei fällt mir auf, dass Um Salim so alt geworden ist. Aber Mama hat doch immer gesagt, dass sie viel jünger als sie sei. Pünktlich um fünf nach 6 brechen wir unser Fasten mit ein paar Datteln. Mama hat eine Linsensuppe und Berjani mit Hähnchen gekocht und Salat. Es ist schon fast sieben Uhr als Salim kommt. Es wird ein sehr schöner langer Abend. Ich höre die Frauen oft lachen und auch weinen. Salim und ich haben uns auf die Terrasse verkrochen und spielen Karten. Er gewinnt immer. Es ist schon sehr spät geworden und Salim ist wirklich müde. Er muss morgen um vier Uhr wieder auf dem Markt sein. Wir schlafen heute alle auf der Terasse und die Frauen im Gästezimmer. Es liegt ein wunderschöner Duft in der Luft. Fast wie Parfüm. Ich beginne tief zu schlafen und zu träumen. Ich sehe meinen Vater. Er hat eine helle Dischdasche an und läuft mir entgegen. Er lächelt und umarmt mich. Er küsst mich und sagt mir, wie stolz er auf mich ist, dass ich heute gefastet habe und sagt, dass er ein kleines Geschenk für mich hat. Aus einem roten Etui holt er eine Uhr heraus. Es ist genau die gleiche Uhr, die ich mir immer gewünscht habe. Ich will ihm noch etwas sagen, aber dann wache ich auf. Es ist halb fünf und Salim ist schon weg. Ich stehe auf und gehe in die Küche. Meine Mutter kocht gerade Tee und legt das frisch gebackene Brot auf den Boden. Neben ihr liegt Zainap. Sie lächelt und ich setze mich zu ihr. Ich erzähle ihr von dem Traum und sie bekommt Tränen in den Augen. Sie läuft raus und ich bereue es, dass ich ihr davon erzählt habe. Nach kurzer Zeit kommt sie wieder in die Küche und hält ein rotes Etui in der Hand. Mein Vater hat es einen Tag vor seinem Tod gekauft und er wollte es mir in meinem ersten Ramadan geben. Sie legt die Uhr um meine Hand und küsst mich auf die Stirn.
Langsam beginnen die Gäste aufzustehen und wir frühstücken zusammen bis zum Ezan…

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von Um Abdel Kareem

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