Interview mit Schwester Fatima Özoguz

Al-Shia: Salam alaikum. Zunächst einmal möchte ich mich bedanken, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Vielleicht könntest du dich kurz vorstellen.

Wa alaikum us-salam wa rahmatullahi wa barakatuh. Mein Name ist Fatima Özoguz, ich bin 40 Jahre alt, 1985 konvertiert, seit 1986 mit einem Muslim aus der Türkei glücklich verheiratet, alhamdulillah. Wir haben drei Kinder, zwei Söhne (18 und 16) und eine Tochter (13) .

Al-Shia: Was hat dich bewegt zum Islam überzutreten? War die Sichtweise des Quran über die Frau auch ein Grund für dich zu konvertieren? Wie siehst du die Rolle der Frau im Islam mit deinen Augen?

Der anfängliche Anstoß, mich mit dem Islam zu beschäftigen, war zunächst die Islamische Revolution im Iran, über die in den Medien viel gesprochen wurde.
Natürlich meist negativ, was erst recht meine Neugier weckte, was das für eine Ideologie war, die es ermöglichte, einen mächtigen Herrscher, der noch dazu von den USA mit den modernsten Waffen ausgerüstet worden war, zu stürzen. Ich wurde also neugierig und versuchte, mir Literatur über den Islam zu beschaffen, was aber nicht so einfach war. Ich wohnte in einem kleinen Dorf, wo nur ein paar Gastarbeiterfamilien  wohnten, die kein Deutsch sprachen. In den Buchläden gab es nur Islamkritisches, aber ich suchte Literatur von MUSLIMEN, die es aber so nicht gab. Internet gab es ohnehin noch nicht. Also setzte ich eine Anzeige in eine Frauenzeitschrift, von der ich damals natürlich nicht wissen konnte, dass das nicht unbedingt zur Standardliteratur der Muslima gehört, dass ich Kontakte zu muslimischen Frauen suchte.  Es meldeten sich tatsächlich ein paar, die mir dann auch Literatur besorgten.
Im Laufe meiner Forschungen fand ich dann heraus, dass die Frau im Islam als etwas besonders Wertvolles betrachtet wird. Sie wird als dem Mann gleichwertig respektiert, aber muss deshalb nicht wie ein Mann werden, sondern hat mehr Eigenständigkeit. Der Ausdruck „First Lady“ ist eigentlich mehr eine Diskriminierung, auch das allgemein im Westen übliche „Damenprogramm“ bei Staatsbesuchen, was eher an „Kinderprogramm“ erinnert, damit die Kleinen beschäftigt sind, wenn die Erwachsenen Wichtiges zu tun haben. So etwas  gibt es im Islam nicht!
Dabei war mir von Anfang an natürlich bewusst, dass hinsichtlich der Behandlung von Frauen in den islamischen Ländern vieles im argen liegt, aber ich lernte schnell zu differenzieren, dass das keineswegs dem islamischen Ideal entsprach.

Al-Shia: Wie wichtig, ist für dich die islamische Bekleidung?

Sehr wichtig, es käme für mich nicht in Frage, wegen einer Arbeit oder ähnlichem das Kopftuch abzusetzen.

Al-Shia: Würdest du uns vielleicht einen Einblick in deinen Alltag geben. Welche Rolle spielt der Islam in eurer Familie?

Wir sind eine ganz normale deutsche Familie. Natürlich versuchen wir, unseren Alltag islamisch zu gestalten, z.B. das gemeinsame Gebet, aber auch wir treiben Sport, solange es islamisch vereinbar ist, machen Ausflüge, Spiele usw. Einmal in der Woche haben wir eine gemischte islamische Sitzung, und die Schwestern treffen sich noch mal separat an einem anderen Tag. Ansonsten werden die Kinder in islamische Aktivitäten eingebunden, z.B. helfen sie auch an der HP www.muslim-markt.de mit .

Al-Shia: Oft beklagen muslimische Familien die mangelnde Kooperation der Schulen und Kindergärten, was z.B. Speisevorschriften, Klassenfahrten und auch Feiertage betrifft. Jedoch wird seitens der Schulen auch bemängelt, dass sie keinen richtigen Ansprechpartner haben. Was kannst du Eltern und Geschwistern empfehlen?

Es ist wichtig, immer wieder das Gespräch zu suchen. Beispielsweise lassen viele Eltern an den islamischen Feiertagen ihre Kinder einfach zu Hause, Besser ist es aber, den Lehrern einen Brief zu schreiben und um Befreiung zu bitten, genauso ist es mit Befreiung von Schwimmunterricht und ähnlichem. Im übrigen sehe ich keinen Anlass für ein grundsätzliches Verbot, an Klassenfahrten teilzunehmen. Meine Kinder haben es immer getan, haben dennoch ihre Gebete, die Speisevorschriften etc. eingehalten. Man muss die Kinder auch auf diese Gesellschaft vorbereiten, wie sie darin zurechtkommen, ohne dass man ständig hinter ihnen herläuft. Dass sie auch ohne elterlichen Druck an ihre Gebete denken beispielsweise.

Al-Shia: Auf eurer HP „Muslim-Markt“, wird den Muslimen sehr viel angeboten: Adressen von Friedhöfen, Schulen, Kindergärten, Geschäften, Heiratsangeboten, Bekleidungsgeschäfte für Muslime, islamische Artikel, Bücher, Vorträge, Veranstaltungen  etc. Führt ihr auch Beratungsgespräche für Familien, insbesondere für Frauen? Gibt es überhaupt Muslimische Beratungsstellen, welche von Muslimen geführt wird und sind diese deiner Meinung nach notwendig?

Es ist eigentlich sehr notwendig, insbesondere Eheberatung, und wir denken darüber nach, ob sich so etwas nicht einrichten ließe.

Al-Shia: Die Frau im Islam, wird in den Medien oft als unterdrückt und rückständig dargestellt. Was können muslimische Frauen selber gegen das Bild tun?

Sie können ihren Glauben selbstbewusst leben, durch freundliches, aber bestimmtes Auftreten. Dazu gehört aber auch ,dass sie sich Wissen aneignen, nicht nur über den Islam, sondern Allgemeinwissen. Sie sollten sich auch, soweit es mit dem Islam vereinbar ist, in der Gesellschaft engagieren, was das Erlernen der deutschen Sprache voraussetzt.

Al-Shia: In England z.B. können Frauen mit islamischer Kleidung eigentlich jeden Beruf ausüben. Wer dort war hat bestimmt auch schon Frauen mit KT als Polizistinnen oder in Geschäften oder Büros erlebt. Warum ist das in Deutschland nicht möglich? Haben die Muslime etwas falsch gemacht? Was kann man überhaupt tun?

Es fällt mir ohnehin schon länger auf, dass die Länder, die die Muslime am erbittersten bekämpfen, z.B. USA und Großbritannien, den Muslimen im Inland relativ viel Freiheit gewähren, während im Falle von Deutschland und Frankreich, die gegen den Irak-Krieg waren, genau das Gegenteil der Fall ist. Ich kann nicht genau beantworten woran das liegt, aber ich denke schon, dass der Islam in Zukunft noch härter bekämpft werden wird, in Deutschland und anderswo. Aus der Geschichte wissen wir, dass sich gerade Deutschland mit Minderheiten immer schon schwer getan hat, z.B. mit Sinti und Roma oder auch farbigen Deutschen. Denn der Schwerpunkt der Definition, wer Deutscher ist, liegt sehr auf der Abstammung. Da hilft auch der deutsche Pass wenig, in den Medien ist immer von „Deutschen türkischen/libanesischen usw.“ Abstammung die Rede, d.h. sie werden uns nie als „richtige Deutsche“ anerkennen. Das Gleiche betrifft auch Konvertitinnen, wenn sie Kopftücher tragen, das wirkt in der öffentlichen Wahrnehmung geradezu „ausbürgernd“.
Wir können nur versuchen, mit Bildung und mit unserem islamischen Verhalten den Islam so gut wie möglich vorzuleben, statt nur
darüber zu reden, aber das wird wohl kaum dazu führen, dass ein praktizierender Muslim sich völlig mit der deutschen Gesellschaft identifizieren kann. Auch praktizierende Christen sind Außenseiter in dieser Gesellschaft, die sich mehr und mehr von Gott entfernt hat.

Al-Shia: Vielen Dank für das Interview. Wa salam alaikum

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