Geschichten der Rechtschaffenen

– Ayatollah Morteza Motahhari

Die Fürbitte

Ein Mann kam aufgeregt zu Imam Sadiq (ع) und sagte: „Beten Sie für mich, damit Gott es mir erleichtert, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn ich bin arm und notleidend.“ Imam Sadiq (ع) antwortete: „Das werde ich niemals tun.“

„Warum wollen Sie nicht für mich beten?“, fragte der Mann. Imam Sadiq (ع) antwortete: „Weil Gott uns zu diesem Zweck einen anderen Weg gewiesen hat. Er hat befohlen, das tägliche Brot zu suchen und danach zu streben. Du willst aber zu Hause bleiben und das tägliche Brot mit einem Gebet zu dir kommen lassen.“

Quelle: Wasail, Band 2. S. 529.

Imam Ali (ع) und Asim

Nach der Kamelschlacht traf Ali in Basra ein. Während er in Basra weilte, ging er eines Tages einen seiner Freunde namens Ala Ibn Ziad Harithi besuchen. Dieser hatte ein großes, luxuriöses Haus. Als Imam Ali das Haus sah, sagte er: „Was brauchst du solch ein großes Haus in dieser Welt? In der anderen bedarfst du dessen umso mehr. Doch du kannst dieses Haus dazu benutzen, um dein Haus im Jenseits zu bestellen. Hier kannst du Gäste empfangen, deine Verwandten unterstützen und die Rechte der Muslime zur Geltung bringen. Du kannst es zu einem offenen Haus der Gerechtigkeit machen und so dessen Nutzung nicht auf deinen persönlichen Gebrauch beschränken.“

„Oh Fürst der Gläubigen, ich möchte mich über meinen Bruder Asim beschweren“, sagte Ala.

Imam Ali (ع) fragte: „Welche Beschwerde hast du vorzubringen?“

– „Er hat allen Freuden der Welt entsagt, trägt alte Kleidung, lebt einsam und isoliert und hat sich von allem und jedem abgewandt.“ Daraufhin sagte Imam Ali (ع): „Ruf ihn zu mir.“ Asim wurde herbeigerufen. Er erschien. Imam Ali (ع) wandte sich an ihn und sagte: „Du bist dein eigener Feind. Der Satan hat dir den Verstand geraubt. Warum fühlst du kein Erbarmen mit deiner Frau und deinen Kindern? Glaubst du, Gott wäre zufrieden mit dir, wenn du seine guten Gaben, die dir gegeben und vergönnt sind, nicht genießt? Dafür bist du im Angesicht Gottes viel zu unbedeutend.“ Asim sagte: „Fürst der Gläubigen! Du bist doch selbst auch wie ich. Du bist auch hart gegen dich selbst. Du machst dir das Leben schwer, ziehst keine weiche Kleidung an und isst keine wohlschmeckenden Speisen. So tue ich dasselbe wie du und gehe den gleichen Weg.“

„Du irrst dich“, entgegnete Imam Ali (ع), „ich bin nicht wie du. Ich habe eine Stellung, die du nicht hast. Ich bekleide die Stellung eines regierenden Führers, der andere Pflichten hat. Gott hat einem gerechten Führer auferlegt, das Leben der schwächsten Schicht seines Volkes zum Maßstab seines eigenen Lebens zu machen und so zu leben wie die Ärmsten seines Volkes, so daß die Armut die Leute dieser Schicht nicht zu sehr bedrückt. Ich habe meine Pflichten und du deine.“

Quelle: Nahj ul-Balagha, Predigt Nr. 270

Brennholz sammeln in der Wüste

Auf einer Reise machten der Prophet und seine Gefährten an einem Ort mit wenig Vegetation halt. Sie brauchten Brennholz, um Feuer anzumachen. Als der Prophet anordnete, Holz zu sammeln, wurde ihm entgegnet: „Gesandter Gottes, wie Du siehst, ist hier weit und breit kein Holz zu sehen.“ Der Prophet antwortete: „Trotzdem soll jeder so viel sammeln, wie er kann.“ Die Gefährten machten sich auf den Weg, suchten das Gelände ab und hoben jeden kleinen Zweig auf. Jeder sammelte so viel, wie er konnte und brachte es mit. Übereinander gestapelt wuchsen die kleinen Zweige zu einem großen Haufen. Daraufhin sagte der Prophet: „So verhält es sich auch mit den kleinen Sünden. Am Anfang übersieht man sie gerne, doch alles wird gesucht und gefunden. Ihr habt gesucht und so viel Brennholz gesammelt. Auch eure Sünden werden gezählt und addiert. Die kleinen Sünden, die man am Anfang übersieht, wachsen allmählich zu einem großen Haufen.“

Quelle: Wasail, Band 2, S. 462

Wer ist frommer

Ein Gefährte Imam Sadiqs (ع) der gewöhnlich an den Vorlesungen des Imam teilnahm, zu den Versammlungen seiner Freunde erschien und mit ihnen gesellschaftlich verkehrte, war seit einiger Zeit nicht mehr zu sehen. Eines Tages fragte Imam Sadiq (ع) seine Gefährten und Freunde: „Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn seit langem nicht gesehen.“

„In letzter Zeit ist er in Armut geraten und leidet Not“, kam als Antwort. Imam Sadiq (ع) fragte daraufhin: „Was macht er denn?“ – „Nichts“, war die Antwort, „er sitzt zu Hause und betet ständig.“ Nun frage der Imam: „Und wie bestreitet er seinen Lebensunterhalt?“, und erhielt als Antwort: „Einer seiner Freunde sorgt für seinen Lebensunterhalt.“ Dann sagte Imam Sadiq (ع): „Bei Gott, dieser Freund ist um einiges frommer als er.“

Quelle: Wasail, Band 2, S. 529

Imam Baqir (ع) und der Christ

Der Beiname des Imam Mohammad Ibn Ali Ibn-al-Hussain ist ‘Baqir’. Baqir bedeutet Spalter. Er wurde Baqir al-Ulum, d.h. der Spalter des Wissens, genannt, weil er das Gute vom Bösen abspaltete. Ein Christ änderte verspottend seinen Beinamen in ‘Baqar’, was Kuh heißt. „Du bist Baqar“, sagte er dem Imam, das heißt, „Du bist eine Kuh.“ Ohne ein Anzeichen des Unmuts und des Zorns antwortete der Imam in aller Bescheidenheit: „Ich bin nicht Baqar sondern Baqir.“

„Deine Mutter war eine Köchin“, sagte der Christ.

Der Imam antwortete: „Das war ihr Beruf und ist keine Schande.“ Der Christ hörte nicht auf: „Deine Mutter war schwarz, unverschämt und ein Lästermaul.“

Nun sagte Imam Baqir (ع): „Wenn meine Mutter die Eigenschaften, die du ihr zuschreibst, besaß, möge Gott ihr vergeben. Wenn du aber gelogen hast, möge er dir die Strafe für diese Sünde erlassen, obwohl du gelogen und meine Mutter verleumdet hast.“ Die Sanftmut eines Mannes, der jede Macht besaß, um sich zu revanchieren, wühlte den Christen innerlich dermaßen auf, daß er sich zum Islam hingezogen fühlte. Er wurde später Muslim.

Quelle: Bihar al-Anwar, Band 11, S. 83

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